Wipperfürth ist die älteste Stadt des Bergischen Landes. Entsprechend alt kommt auch die Debatte daher, die zur Zeit in der bürgerlichen Gesellschaft hitzig geführt wird. Es wird wieder einmal mehr Polizeipräsenz gefordert, mehr Überwachung und mehr Verbote. Die Tatsache, dass mit derartigen Forderungen individuelle Freiheiten beschränkt werden, statt eine Bekämpfung der Ursachen vorzunehmen, wird dabei ignoriert – zumal noch nicht mal eine Rechtfertigung dieser Forderungen geleistet werden kann.
Zur Zeit könnte man sich geradezu in den November des Jahres 2009 zurückversetzt fühlen. Damals wurde der 18-jährige Benny von mehreren Jugendlichen vor einem Einkaufsmarkt zusammengeschlagen und starb schließlich an seinen Verletzungen. Die Täter und deren Begleiter, die wegen unterlassener Hilfeleistung vor Gericht standen, wiesen sowohl eine deutsche Abstammung als auch Migrationshintergrund auf. Einen Großteil der Wipperfürther Bürgerschaft interessierte dies freilich nicht: Es wurde plumpe Ausländerhetze betrieben, indem verbreitet wurde, Benny sei von „Türken“ kaltblütig ermordet worden. Die Folge waren unter anderem Parolen wie „Ausländer raus“ und „Türken raus“, die von Schülern der Haupt- und Realschule auf dem Schulweg skandiert wurden. Selbst an der Todesstelle machten insbesondere Jugendliche nicht davor halt, gegen Türken im Speziellen und Allgemeinen zu schwadronieren und so ihr konstruiertes Feindbild zu festigen.
Ähnliche Züge weist die derzeitige Debatte um angeblich zunehmende Kriminalität und Vandalismus in der Innenstadt auf: Es wird gelogen, hinzugereimt, pauschalisiert und übertrieben bis die Schwarte kracht. Viele Diskussionen, die zur Zeit in der Stadt zum Thema geführt werden, glänzen durch Halbwahrheiten und Geschichten, die irgendwer irgendwann mal gehört haben will. So heißt es, dass es auf dem Hausmannsplatz „tagtäglich“ Saufgelage und Prügeleien gebe. Sich über den Lärm beschwerende Anwohner sollen bedroht und geschlagen werden. Angeblich sollen „fast jede Nacht“ gewaltbereite Jugendbanden durch die Stadt ziehen, Bepflanzungen zerstören, Bierflaschen zerschlagen und herumgrölen. Das Problem: Derartige Ereignisse können weder von der Polizei noch von anderen offiziellen Stellen als zunehmende Erscheinung bestätigt werden. Andere Städte ähnlicher Größenordnung weisen demnach erheblich mehr solcher Delikte auf, insbesondere in räumlicher Nähe zu Großstädten.
Im Normalfall flammen derartige Diskussionen in der Wipperfürther Bürgerschaft sowie die dazu gehörenden Forderungen in regelmäßigen Abständen auf – nämlich dann, wenn die lauen Sommernächte einsetzen und die großen Schulferien hinzukommen. Viele Jugendliche fahren zu dieser Zeit nicht in den Urlaub und haben keine Ferienjobs, so dass sie dementsprechend häufig auch im öffentlichen Raum feiern und trinken. So verhielt es sich in den letzten Jahren und auch in den letzten Jahrzehnten. Dennoch wurde die Diskussion schon in den 80er und 90er Jahren jeden Sommer aufs Neue geführt. Was in diesem Jahr anders ist: Die Bürgerinitiative „Wir sind Wipperfürth“ erhält regen Zulauf. Diese wurde von Anne Kuhna ins Leben gerufen und hatte zunächst das vorrangige Ziel, Missstände wie leerstehende Ladenlokale und fehlende Spielplätze für Kinder anzuprangern. Seit der Sommerzeit gerierte sich die Initiative dann insbesondere in ihrer Facebook-Gruppe so, als sei sie eine Interessensvertretung für konservativ-spießbürgerliche Vordenker.
So wurde vor allem von der Gründerin gefordert, ein generelles Alkoholverbot in der Innenstadt festzusetzen und mehr Polizisten durch die Straßen patrouillieren zu lassen. Eine andere Facebook-Userin schlug gleich vor, die Feuerwehr mit einzubinden und sie zur nächtlichen Bewachung der Altstadt abzukommandieren. Mehrfach wurde zudem darauf gedrängt, den gerade erst als Treffpunkt für Jugendliche neu eingerichteten „Steinkreis“ am Bahnhofsgelände einzustampfen. Die sich dort einfindenden Personen seien „zu laut“ und das dort legal prasselnde abendliche Lagerfeuer erzeuge zu viel Rauch und Gestank. Auch das Kultur- und Veranstaltungszentrum „Alte Drahtzieherei“ in der Wupperstraße bekam ihr Fett weg: Sie verkomme zu einer zweiten Diskothek und sei ebenfalls „zu laut“, so ein „Anwohner“. Dass frühere Treffpunkte für Jugendliche abseits von Wohnstandorten geschlossen bzw. unzugänglich gemacht wurden und nächtliche Aktivitäten dementsprechend verdrängt werden, wird dabei schlichtweg verschwiegen. So ist mittlerweile ein Großteil der Schulhöfe, welche in den vergangenen Jahrzehnten stets beliebte Sammelpunkte waren, umzäunt und abgeriegelt. Auch die Freizeitanlage „Ohler Wiesen“ verfügt über keine brauchbaren Sitzgelegenheiten und Grillplätze mehr.
Interessenskonflikte zwischen Jugendlichen und Erwachsenen sind ein leidiges Thema, weil oftmals keine gemeinsame Basis gefunden wird. Im vorliegenden Fall ist es vorwiegend eine konservative Geisteshaltung, welche einer Einigung entgegenwirkt. Da eine oftmals sensationsorientierte Pauschalisierung und Übertreibung der Faktenlage zudem von einem großen Teil der Wipperfürther Bevölkerung fast schon hobbymäßig betrieben wird, ist eine zeitnahe Lösung nicht abzusehen. Positive Ansatzpunkte, die durch die Stadtverwaltung und insbesondere durch das Jugendamt geschaffen wurden, werden durch die bürgerliche Mehrheitsgesellschaft in stupider Art und Weise torpediert. Statt sich für eine umfassende Ursachenforschung einzusetzen und daraus resultierend neue Angebote für Jugendliche einzurichten, werden Forderungen laut, bestehende Angebote zu beschneiden oder gleich ganz zu streichen. Ein Alkoholverbot für die Innenstadt nach Hückeswagener Vorbild ist dank Anne Kuhna und ihrer Bürgerinitiative in greifbare Nähe gerückt und droht Wipperfürth – ebenfalls nach Hückeswagener Vorbild – zu einer toten Stadt zu machen.
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