Nachdem am Mittwochabend der Bonner pro-NRW-Funktionär Nico Ernst in einen Streit mit einem Radfahrer geraten war und dabei Verletzungen davon trug, vermutet die Parteispitze einen „politischen Hintergrund“ des Disputs und bezeichnet den Radfahrer als „Linksextremisten“. Um diese Behauptung zu bestärken, wurde von der „Bürgerbewegung“ kurzerhand die E-Mail eines „Antifaschisten“ verfasst und verbreitet.
Wieder einmal soll ein Mitglied der ultrarechten „Bürgerbewegung pro NRW“ von einem „Linksextremisten“ zusammengeschlagen worden sein. Nach Angaben der pro-Bewegung sei der Bonner pro-NRW-Ratsherr Nico Ernst „gezielt abgefangen, angepöbelt, bespuckt und schließlich brutal zusammengeschlagen“ worden. Er sei blutüberströmt und mit gebrochener Nase auf dem Bordstein liegen geblieben. Die Polizei konnte dagegen nur „leichte Gesichtsverletzungen“ protokollieren. Ob die Tat nun politisch motiviert ist, blieb bislang unklar. Allerdings gab es in den letzten Tagen vermehrt Hinweise darauf, dass Nico Ernst den Radfahrer von sich aus anhielt und sich darüber beschwerte, warum dieser auf dem Bürgersteig fuhr. Daraufhin soll es zu einem Streit gekommen sein, woraufhin der Radfahrer auf Ernst einschlug.
Nico Ernst kann trotz seines geringen Alters bereits auf eine beachtliche, wenn auch erfolglose Karriere in der militanten Neonazi-Szene zurückblicken. Als Gymnasiast fungierte er als Führer der sogenannten „Kameradschaft Rhein-Ahr“ und organisierte dabei Kameradschaftsabende und Vortragsveranstaltungen, bei denen er auch selbst als Redner auftrat. Nachdem das Interesse an seinen Veranstaltungen nicht die gewünschte Öffentlichkeitswirkung erzielte, entschied sich Ernst zu einem Wechsel zum NPD-Kreisverband Köln. Von 2000 bis 2003 wirkte er bei zahlreichen Demonstrationen des „Freien nationalen Widerstands“ sowie der NPD mit, bevor er seit 2008 nun bei „pro NRW“ mitmischt und so einen interessanten Wandel vom militanten Straßennazi zu einem nach außen hin gemäßigten Vertreter der extremen Rechten mit burschenschaftlichem Hintergrund durchleben konnte.
Seit seinem Einzug in den Bonner Stadtrat im Oktober gab es von Seiten der „Bürgerbewegung“ und von Nico Ernst immer wieder verbale Angriffe des niedrigsten Niveaus gegen den neuen Bonner SPD-Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch. Sogar unmittelbar nach dem Streit zwischen Ernst und dem Radfahrer wurde Nimptsch für den angeblichen „politischen Hintergrund der Tat“ verantwortlich gemacht, weil er sich durchgängig von „pro NRW“ distanziert hatte und die Bonner Bevölkerung zur Zivilcourage gegen Rechtsextremisten aufgerufen hatte. So hieß es von Seiten des pro-NRW-Kreisvorsitzenden Detlev Schwarz:
Die Saat von Oberbürgermeister Nimptsch und anderen geistigen Brandstiftern und Hetzern scheint aufzugehen. […] Politiker in hervorgehobenen Positionen wie OB Nimptsch sollten […] eigentlich wissen, dass sie mit all ihren öffentlichen Äußerungen verantwortlich und sorgsam umgehen müssen! Dieser Tag ist eine Schande für die Bundesstadt Bonn, eine Schande für die geistigen Brandstifter der Altparteien und auch eine Schande für das Bonner Polizeipräsidium, das in der Vergangenheit vor allem dadurch aufgefallen ist, unsere Versammlungen nur völlig unzureichend zu schützen. […] Ich bin gespannt, welche Worte Oberbürgermeister Nimptsch und seine Gesinnungsgenossen auf der heutigen Ratssitzung zu dem brutalen Überfall auf ihren Ratskollegen finden werden oder ob sie den Überfall auf einen demokratisch legitimierten Volksvertreter völlig totschweigen wollen. So oder so: Demokratie, Meinungsfreiheit und Bürgerrechte für alle sind in Bonn seit gestern Abend gefährdeter denn je! Jetzt gilt es Zivilcourage zu zeigen und Partei zu ergreifen für die demokratische Opposition von Rechts!
Letztlich ist der „Überfall“ auf Nico Ernst für „pro NRW“ dementsprechend nichts anderes als eine Steilvorlage für Beschuldigungen und Vorwürfe gegen den „politischen Gegner“ – in diesem Fall gegen Jürgen Nimptsch. „pro NRW“ wäre aber nicht „pro NRW“, wenn die Rechtspopulisten es darauf beruhen lassen würden. Offenbar mit dem Ziel, den absurden Vorwürfen Nachdruck zu verleihen, wurde von der „Bürgerbewegung“ eine fingierte E-Mail verfasst, die der Öffentlichkeit vorgaukeln soll, sie stamme von einem Antifaschisten. Der Text wurde an alle Mitglieder des Rates der Stadt Bonn einschließlich des Oberbürgermeisters versendet:
Gut gemacht, Herr Oberbürgermeister!
Endlich lernen auch die Menschen auf der Straße, was es heißt, Zivilcourage im Kampf gegen Rechts zu zeigen. Es ist sehr wichtig, dass immer und überall daran erinnert wird, dass solche Menschen bei uns nicht willkommen sind. Wir müssen solche Gestalten isolieren, ausgrenzen und wie jetzt beim Nico Ernst geschehen auch mal etwas Bürgerwehr „spüren“ lassen. Bloß kein Mitleid aufkommen lassen, geschieht ihm recht! Sehe ich genauso wie Sie. Bitte appellieren Sie weiter und lauter, dass rigoros, rücksichtlos, bis zum letzten Atemzuge kämpfend gegen solche Volksverhetzer vorgegangen wird. Es ist gut, dass Sie nicht nur uns aufrechte Antifaaktivisten diese Arbeit machen lassen, sondern aktiv durch Aufrufe unsere Arbeit befeuern und unterstützen. Ich stehe zu Ihnen: JA, ich will den totalen Kampf gegen Rechts.
Alles Gute, Viele Grüße, L. Schumann
P.S.: Wir sollten eine Broschüre mit den schlimmsten neofaschistischen Entgleisungen des Ratsherren erstellen. Es reicht, einige aufzuschreiben. Wenn es nicht genug gibt, erfinden wir welche. Es geht doch um die gerechte Sache – Toleranz, Gleichberechtigung und gegen Gewalt!
Bürgerwehr? Aufrechte Antifaaktivisten? Totaler Kampf gegen Rechts? Allein schon am Vokabular erkennt jedes Kleinkind die Handschrift eines angeblich demokratischen und seriösen Rechtspopulisten, der mit allen erbärmlichen Mitteln versucht, die „Konkurrenz“ auszuschalten. Der geradezu tragikomisch anmutende und leicht zu durchschauende Inhalt, welcher exakt die Vorwürfe und Beschuldigungen von „pro NRW“ gegen Oberbürgermeister Nimptsch wiederholt, tut sein Übriges. Daneben ist es nicht zuletzt auch ein Zeichen dafür, dass die pro-Bewegung nach der mittlerweile schon recht langen Zeit ihres Bestehens immer noch nichts von Öffentlichkeitsarbeit versteht.



